. : p h i l o s o p h i e : .


Rechtzeitig loslassen

Ich hatte gerade Signierstunde in einer kleinen Buchhandlung, und als ich den Kopf hob, blickte ich in zwei traurige Augen. "Mein ARzt hat mir geraten, ein Buch zu kaufen, über das ich lachen kann", sagte die Besitzerin dieser Augen.
Ich zögerte mit dem Signieren ihres Buches. "Haben Sie ein großes Problem?" fragte ich. (Die Leute in der Schlange hinter ihr spitzten die Ohren.)
"Ja. Meine Tochter heiratet." Die Schlange jubelte.
Ist sie noch minderjährig oder wo liegt das Problem?"
"Sie ist 24." Um den Mund der Frau zuckte es verräterisch. "Mein Schwiegersohn ist ein wunderbarer Mensch. Aber sie hätte ruhig noch ein paar Jahre zu Hause bleiben können."
Die Fraue hinter ihr blickte versonnen. "Wir sind schon dreimmal umgezogen, und unser Sohn kommt immer noch zu uns. Wir haben eben Glück."
Ist es nicht sonderbar, dass manche Frauen einfach nicht merken, wann sie ihre Aufgabe erfüllt haben? Sie glauben, je länger die Kinder im Haus bleiben, desto besser die Eltern. Ich meine, das hängt ganz davon ab, welchen Stellenwert wir unseren Kindern einräumen.
Wie ist das bei Ihnen? Als was sehen Sie Ihre Kinder? Fallen sie in die Katerogie Haushaltsgeräte mit der Garantie, dass sie 18 Jahre lang reibungslos funktionieren, und wenn sie anfangen, kostenaufwendig zu werden, trennt man sich von ihnen? Oder betrachten Sie sie wie ein Gebrauchsfahrzeug? Sie fahren es jahrelang, und wenn Sie bereit sind, es weiterzuverkaufen, wennden Sie viel Sorgfald und Pflege dafür auf, damit nichts auf Sie zurückfällt? (Deswegen lassen manche Eltern ihre Kinder keine guten Freunde heiraten.)
Sind Ihre Kinder eher eine Art Lebensversicherung mit eingebauter Altersvorsorge? Sie Zahlen 18 oder 20 Jahre lang Ihre Prämien und erwarten dafür im Alter eine Gegenleistung. Wenn nicht, werden sie von ewigen Schuldgefühlen geplagt.
Sind sie wie kostbarer Spiegel mit Goldraand, der ein makelloses Bild seines Betrachters zurückwirft? Wenn dieser nun eines Tages einen Sprung im Glas entdeckt, eine Verfärbung, eine blinde Stelle, eine winzige Abweichung von seinen Vorstellungen, hängt er dann den Spiegel ab und schimpft sich einen Versager?
Für mich sind Kinder wie Papierdrachen. Man verbringt Jahre seines Lebens damit, sie vom Boden zu kriegen. Man rennt mit ihnen, bis die Puste ausgeht ... sie stürzen ab, man bastelt ihnen einen längeren Schwanz ... sie landen auf dem Dach, man klettert hinauf und befreit sie aus der Dachrinne. Man tröstet und kittet, flickt zusammen und startet einen neuen Versuch. Man sieht, wie der Wind sie erfasstm und versichert ihnen, dass sie eines Tages fliegen werden.
Irgendwann steigen sie wirklich auf, aber sie brauchen mehr Spiel, und wir geben nach. Mit jedem Meter Leine, den wir abrollen, wächst die Traurigkeit. Denn der Drachen steigt immer höher, und wir ahnen, dass dieses schöne Geschäpft schon bald die Halteleine kappen wird, die uns beide verbindet, und das tun wird, was seine Bestimmung ist - durch die Lüfte segeln, allein und ungebunden.
Dann wissen wir mit Bestimmtheit, dass wir unsere Aufgabe erfüllt haben.

Autor: Erma Bombeck - eingereicht am: 23.04.2001 von: Sven Schaffranneck



 
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